Kunst – ein abstrakter Begriff
Bei Wikipedia las ich ein paar Beispiele für abstrakte Begriffe: Mut, Röte, Liebe, Hass, Menschenwürde. Dort steht zum Verständnis auch: ~ ist ein Begriff, der benötigt wird, um eine Eigenschaft von Gegenständen oder eine Relation zwischen einzelnen Gegenständen zu definieren oder zu repräsentieren (Tatievskaya, Aussagenlogik [2003], S. 53).
Ich würde diese Liste gerne noch um das Wort “Kunst” erweitern.
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Die Diskussionen um diesen Begriff zeigen, dass jeder, wirklich jeder, der im näheren oder weiteren Sinne damit zu tun hat, diesen anders füllt, etwas anderes darunter versteht. Der Kontext der Person spielt eine Rolle, genauso wie ihre Persönlichkeit. Ob ich nun als Kunsthistoriker die Kunst im geschichtlichen Kontext zu begreifen und einzuordnen versuche, ob ich als Sammler einer sehr individuellen Leidenschaft fröne oder gesellschaftlich damit noch eine weitere Rolle bekleide, ob ich als Kurator für etwas verantwortlich zeichne, mit welchen zusätzlichen persönlichen Beweggründen auch immer, ob ich Kunst als Betrachter, als Publikum auf mich wirken lasse oder als Kreativer die Kunst lebe – jeder dieser Menschen kriegt es mit diesem – einem abstrakten – Begriff zu tun.
Unter dieser Voraussetzung wundere ich mich, wie zuweilen darüber diskutiert wird. Dass tolerant diskutiert werden müsste, daran dürfte doch, wenn man Obenstehendes unterschreibt, kein Zweifel bestehen. Aber weit gefehlt.

Die Menschen streiten nicht über “Liebe”, wenn sie sich darüber unterhalten, vorausgesetzt, sie sind kein Paar. Sie streiten auch nicht über “Mut”. Sie sagen das ist für mich keine Liebe, weil…’ oder das ist in meinen Augen besonders mutig, weil…’ – und dann tauschen sie ihre gegenseitigen Ansichten aus und kommen sich dadurch näher, erweitern ihr Verständnis füreinander. Man versteht, wenn man die Definitionen eines Menschen kennt, viel besser oder überhaupt seine Beweggründe, seine Art zu sein. Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, sind meistens ruhiger Natur. Die Betroffenen bekommen durch ihre Aussagen entweder mehr oder weniger miteinander zu tun, aber sie bekämpfen sich verbal sicher nicht aufs Härteste, weil sie etwas anderes unter bestimmten Begriffen verstehen. Dass sie etwas anderes darunter verstehen, ist sozusagen schon die Lösung, bevor die Meinungsverschiedenheit als Problem wahrgenommen wird.
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Anders die meisten Menschen, wenn sie sich über Kunst zu unterhalten versuchen. Ich habe lange gebraucht, um dahinter zu kommen, was diesen einen speziellen Begriff so sehr von den anderen beispielhaft genannten unterscheidet, bis ich irgendwann darauf kam: dieser Begriff ist nicht nur ein Wort wie die anderen, nein: er ist ein Studienfach.
Damit beginnt das Dilemma eines Wortes, das anderenfalls auf vollkommen natürliche Art und Weise Menschen bereichern, sie sensibler, offener machen könnte. Stattdessen schlagen sich Experten mit Experten, Experten mit Amateuren, Amateuren mit Amateuren, Amateuren mit Laien, Laien mit Laien und Laien mit Experten über diesen Begriff, wobei die Streitlust abnimmt, je ungebildeter (bezogen auf’s Fach) die Betroffenen sind. Aber auch: je unverbildeter.
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Wie konnte man der Sache so etwas antun: ohne eindeutige Richtlinien einen abstrakten Begriff zum Studienfach erklären? Wer war so vermessen, zu denken, man könne Künstler ausbilden? Man könne Kunst lehren oder lernen? Oder wer war so clever?
Ich kann zeichnen lernen, ich kann lernen, ein Bildhauer zu sein. Ich kann mit Talent und viel Übung ein Meister meines Fachs werden. Aber ich kann nicht Künstler werden.
Ich kann durchaus kreativ tätig sein jenseits von Weihnachtsbasar-Klischees; etwas dort kann für den einen oder anderen durchaus Kunst sein, nicht nur Kunst, die von “Können” kommt, sondern aus der Gedankenwelt des Menschen, der da etwas erschaffen hat, das meine Gedankenwelt berührt. Ich kann auf einem Weihnachtsbasar Kunst antreffen. Und ich kann etwas betrachten, das meiner Definition des Begriffes nicht gerecht wird – und im Museum hängt.
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Klärte man im Gespräch als Erstes, wie die Gegenüber Kunst für sich definieren, als Zweites, ob über Kunst oder über den Kunstmarkt gesprochen wird, erübrigte sich als Drittes meistens jeder Streit. Denn Kunst ist zwar das, worum sich der Kunstmarkt rankt, hat aber nach meiner Definition mit diesem soviel zu tun wie der Tag mit der Nacht: sie berühren sich nur am Rande. Ich muss es noch einmal betonen: ich spreche über den Begriff Kunst, darüber, wie ich ihn fülle, diesen abstrakten Begriff.
Irgendjemand hat mal gesagt, auch auf die Kunst bezogen könne man nur sagen, was war und wie es sich entwickelt hat, nicht, wohin es in der Zukunft tatsächlich führt. Das hat immer schon gegolten und ist für mich das Hauptargument für einen entgrenzten Kunst-Begriff. Aber nur, wenn ich über den etablierten Kunstbetrieb spreche. Spreche ich lediglich aus meiner Definition des abstrakten Begriffes Kunst, brauche ich kein Argument mehr. Denn Kunst kann man nicht “machen”. Sie ereignet sich. Und das ist nicht planbar. Planbar ist die Arbeit, die ich erschaffe; jedenfalls in den meisten Fällen liegt ein Plan zugrunde. Wen ich wie damit berühre oder ob überhaupt, ist vollkommen offen. Denn ich weiß nicht, wer meiner kreativen Arbeit begegnen wird. Wer ist der Mensch? Was denkt er grundsätzlich, falls er grundsätzlich denkt? Was bewegt ihn zur Zeit? Hat er Sorgen? Kommt er gedankenlos (gibt es das wirklich?) seines Wegs und sieht meine Arbeit nicht so bewusst, wie sie gemeint ist? Hält er vielleicht grundsätzlich nichts von Transformiertem jeglicher Art, ist vollkommen verständnislos im wahrsten Wortsinne?
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Ich denke schon, dass beim künstlerischen kreativ-Sein eine Absicht dahinterstehen sollte, nämlich die, eben etwas zu transformieren. Gedanken, eine Philosophie sollte die Ausgangslage sein, um dem Vorwurf der Zufälligkeit etwas entgegenzusetzen. Und in diesem Punkt unterscheidet sich Kunst von Mut, Röte, Liebe oder Hass. Aber ich glaube auch, dass sich das, was in der Kunst absichtsvoll geschieht, grundsätzlich auch zufällig ereignen kann. Dann bringt die künstlerische Begegnung zwar weniger Ansehen oder Geld oftmals wird sicher nicht einmal bemerkt, dass sie stattgefunden hat, aber weniger wertvoll ist sie dadurch nicht. Und wird nicht das Zufällige, das Ungesteuerte oftmals als das Erstrebenswerteste, das Wertvollste angesehen? Was wäre die Liebe uns noch wert, wenn wir sie geschehen lassen könnten…? … wenn sie planbar, machbar wäre…?
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Tun wir doch der Kunst den Gefallen und befreien wir sie – zumindest in unseren Köpfen – vom Irrglauben der Machbarkeit. Erst dann können wir berühren, durch was dazu bestimmt ist – und erst dann können wir selbst ernsthaft durch sie berührt werden.





